Der Tod im Pflaumenbaum
Von Gerd J. Pohl, nach einer Überlieferung aus Frankreich.
Es lebte einmal am Rande eines kleinen Dorfes eine gütige, alte Frau namens Katrin, die allen Menschen, die zu ihr kamen, half. Jeder, der an ihre Tür klopfte und Kummer und Sorgen hatte, wurde getröstet, wurde vielleicht mit einigen Talern beschenkt und bekam etwas zu essen und zu trinken.
Eines Tages kam eine junge Frau zu Katrin und weinte fürchterlich. „Meine Tochter, die Anna … ganz plötzlich. Sie wollte nur über die Straße gehen, und schon ist es passiert. Der Pferdewagen war viel zu schnell und konnte nicht mehr anhalten. Die Anna – sie war sofort tot.“
Zum ersten Mal in ihrem langen Leben wusste die alte Katrin nicht, wie sie helfen konnte, was sie sagen sollte. Sie nahm die junge Mutter einfach nur in die Arme, drückte sie ganz fest an sich und weinte mit ihr.
Die Jahre gingen ins Land, und es kamen noch viele Menschen zur alten Katrin – manche mit Kummer und Sorgen, manche auch mit ihren Freuden. Manche Menschen starben, andere wurden geboren. Aber die junge Mutter und die tote Anna, die konnte Katrin nie vergessen. Warum passiert so etwas nur? Was mag sich der Tod dabei denken, wenn er so ein junges Mädchen einfach aus dem Leben reißt?
Als zehn Jahre vorübergegangen waren, kam der Tod am Haus der alten Katrin vorbei, und er sprach: „Nun ist sie bald hundert Jahre alt, sie hat ihr Leben auf Erden gelebt, und heute werde sie mit mir nehmen.“
Und so trat der Tod in das Haus der Katrin. Als sie ihn sah, wurde sie sehr wütend, und sie schrie den Tod an: „Mich hättest Du damals gerne holen dürfen, ich war ja bereits eine alte Frau. Aber warum – warum hast Du stattdessen die kleine Anna mitgenommen?“
„Glaube mir“, sprach der Tod mit ganz sanfter Stimme, „es gibt für alles einen guten Grund.“ – „Ach, ich will Deinen guten Grund gar nicht hören!“, schimpfte Katrin zurück und drehte sich verärgert um.
„Du warst immer so eine liebe und geduldige Frau.“, sagte der Tod. „Es wäre nicht richtig, Dich jetzt mitzunehmen, wo Du so wütend bist. Deswegen will ich Dir einen Gefallen tun und schenke Dir drei Wünsche.“ – „Dann wünsche ich mir, dass die kleine Anna wieder lebendig wird.“ – „Das geht nicht. Wer einmal im Himmel ist, will im Himmel bleiben. Es ist so schön dort, weißt Du?“
Katrin überlegte kurz und meinte dann: „Du, Tod – ich weiß, was ich mir wünsche. Draußen in meinem Garten, da steht ein wundervoller Pflaumenbaum. Steig hinauf und pflücke mir die größten Pflaumen – sie sind jetzt reif, und ich esse sie doch so gerne. Ich will nur noch einmal diese süßen Pflaumen schmecken, und dann können wir gehen.“
Schnell ging der Tod in den Garten, kletterte auf den Pflaumenbaum hinauf, pflückte ein paar der größten Pflaumen und wollte wieder herunter. Doch die alte Katrin rief: „So, mein Lieber, und jetzt mein zweiter Wunsch: Ich wünsche, dass Du nie wieder von diesem Baum herunter kannst. Du sollst dort oben bleiben, damit die Menschen Dich nicht mehr fürchten müssen!“
Und der Tod konnte sich noch so ereifern, er konnte noch so drohen, bitten, schreien, wettern, klagen und heulen – es war ihm nicht mehr möglich, vom Pflaumenbaum herunterzukommen.
Nun vergingen sechs Monate, acht Monate, zehn Monate, ein ganzes Jahr auf Erden, ohne dass jemand starb, weil der Tod ja auf dem Pflaumenbaum festsaß. Doch um die alte Katrin herum wurde es einsam, weil sich niemand mehr zu ihr traute: Denn jeder Besucher musste auf seinem Weg in ihr Haus durch den Garten und an dem Pflaumenbaum vorbei, auf dem der Tod hockte und von Tag zu Tag immer ärgerlicher wurde und aus Leibeskräften schimpfte.
Endlich ließ sich Frau von einem besonders mutigen Maurer eine Hintertüre einbauen – durch die konnten die Menschen nun zu ihr gelangen.
Eines Tages klopfte es, und ein uralter Mann stand vor der Türe. Katrin bat ihn herein, denn sie sah, dass er große Sorgen hatte. Dicke Tränen kullerten über sein Gesicht: „Meine Frau – es geht ihr so schlecht. Seit Monaten bereits ist sie krank, kann nicht mehr gehen und stehen, kann kaum noch atmen, und wenn sie etwas essen will, hat sie entsetzliche Schmerzen. Eigentlich will sie nur noch eines – in den Himmel. Aber sie kann nicht sterben – der Tod, der sitzt ja auf Deinem Pflaumenbaum. Bitte: Wünsch ihn wieder herunter. In Gottes Namen!“
Da hatte Katrin Mitleid. Sie schickte den alten Mann nach Hause und versprach ihm, dass seine Frau bald schon werde sterben dürfen. Dann ging sie in den Garten und wünschte den Tod vom Pflaumenbaum herunter.
„Ich weiß, dass ich die Erste bin, die Du nun mitnimmst. Aber versprich mir, dass Du danach sofort zu der kranken Frau gehst, ja?“ – „Versprochen.“, antwortete der Tod und legte seinen Arm um die alte Katrin. „Aber eine Frage noch: Warum hast Du damals die kleine Anna so plötzlich geholt?“ Der Tod antwortete: „Das musste ich tun. Die Anna war schwer krank, das hat nur noch niemand gewusst. Hätte ich sie nicht mitgenommen – ihr Leben wäre ganz schlimm geworden. Sie hätte gelitten und gelitten, viele Jahre lang. Jetzt ist sie sehr glücklich und lacht viel. Komm! Wenn Du magst, kannst Du sie ja selbst fragen …“
